Die Online-Kurse finden jeweils samstags via Zoom-Sitzung 2 x 90 Minuten von 9 bis 13 Uhr statt.
Weitere Informationen und die Anmeldemodalitäten folgen in Kürze.
Von der paranoiden Gesellschaft zum kollusiven Paar
Henry Dicks und die innere Demokratisierung von Beziehung
Bernd Böttger, IFP- Frankfurt, Königstein im Taunus
Dieser Teil des Online-Seminars widmet sich dem Werk des britischen Psychoanalytikers Henry V. Dicks und seiner Verbindung von gesellschaftlicher Zeitdiagnose und klinischer Beziehungstheorie. Ausgangspunkt ist Dicks’ Erfahrung als Kriegspsychiater und seine Analyse autoritärer und paranoider Sozialstrukturen, aus denen er ein psychoanalytisches Verständnis von Beziehung als Ort kollektiver wie individueller Abwehr entwickelte.
Im Zentrum steht die These, dass Paar- und Beziehungsdynamiken als Mikromodelle gesellschaftlicher Organisation gelesen werden können: Angst, Schuld, Abhängigkeit und Macht erscheinen nicht nur intrapsychisch, sondern werden im Zwischenraum der Beziehung organisiert und stabilisiert. Dicks’ Konzept der Kollusion beschreibt dabei keine Pathologie im engeren Sinn, sondern eine unbewusste Form relationaler Ordnung, die Konflikt bindet, Ambivalenz begrenzt und zugleich Entwicklung hemmen kann.
Das Seminar entfaltet Dicks’ klinische Typologie kollusiver Beziehungen, seine Idee der „inneren Demokratisierung“ von Beziehung sowie die Bedeutung von Ambivalenztoleranz, Differenz und Verantwortung. Verbindungen zu späteren intersubjektiven und mentalisierungstheoretischen Ansätzen werden aufgezeigt, ohne den historischen Ort von Dicks’ Denken zu nivellieren.
Abschließend wird diskutiert, inwiefern psychoanalytische Arbeit – im Einzel- wie im Beziehungskontext – als Beitrag zu einer psychischen und gesellschaftlichen Demokratisierung verstanden werden kann: nicht durch Auflösung von Konflikt, sondern durch seine symbolisierbare Austragung im relationalen Raum.
Das Tavistock-Modell in der psychoanalytischen Paartherapie
Yvonne Czermak, Nestor Kapusta, Anita Schedl, Christa Liebscher, Wien
Dieses dreistündige Seminar richtet sich an psychoanalytisch orientierte Paartherapeut:innen und bietet eine praxisnahe Einführung in das Objektbeziehungstheorie basierte Tavistock-Modell der Paartherapie. Im Mittelpunkt steht das Verständnis der unbewussten Phantasien, projektiven Identifikationen und gegenseitigen Introjektionen, die Paardynamiken prägen.
Anhand klinischer Vignetten wird gezeigt, wie Therapeut:innen im Übertragungsfeld des Paares arbeiten können, um die zugrunde liegenden inneren Objekte und Beziehungsfantasien erkennbar zu machen. Ziel des Seminars ist es, Teilnehmende mit der Haltung und Methodik des Tavistock-Modells vertraut zu machen, ihre eigene Gegenübertragung als diagnostisches Instrument zu nutzen und die dialogische Dimension psychoanalytischer Paararbeit zu vertiefen.
Kinder in der Familientherapie
Dr. med. Joachim Walter, ehem. Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherpaie am Katholischen Kinderkrannkernhaus Wilhelmstift, Hamburg
Kinder benötigen in der Familientherapie Schutz, eine angemessenen Atmosphäre und Umwelt. Notwendig ist eine Herangehensweise mit spielerisch-symbolischen Aspekten und Mitteln. Dazu braucht es nicht viel. Hilfreich ist Videoaufzeichnung und ggf. -auswertung. Die eigene Kreativität ist oft gefragt. Eltern sind Teilnehmende, Zuschauer, Regisseure der therapeutischen Handlung. Geschwister werden oft hifreich einbezogen.
Besonderheiten und Möglichkeiten werden im Seminar erörtert, Beispiele gemeinsam betrachtet.
Familiendynamik und Familientherapie bei Essstörungen – ein Update
Günter Reich, Göttingen
Essstörungen und Familientherapie haben schon lange ein „innige Verbindung“.
Familientherapie gilt hier als sehr effektives Verfahren, insbesondere bei der Behandlung an Anorexie erkrankter Jugendlicher.
Seit ca. 10 Jahren hat eine Variante der Familientherapie besonders gute empirische Evidenz und Verbreitung gefunden: die Family Based Therapy (FBT). Dies wird in verschieden verschiedenen Varianten auch in Deutschland propagiert und praktiziert. Vertreter dieser Richtung bestreiten zum Teil eine familiäre Beteiligung an der Entstehung von Anorexie und sehen familiendynamische Problem lediglich als Erkrankungsfolge. Inzwischen regt sich ebenfalls, zum Teil sogar sehr heftige, Kritik an dieser Therapieform von Betroffenen und Angehörigen.
In dem online-Seminar werden neuere wissenschaftliche Ergebnisse zur familiären Beteilung an der Entwicklung von Essstörungen, das Konzept der FBT und die Kritik daran sowie ein psychodynamisches familientherapeutisches Modell zur Behandlung von Essstörungen vorgestellt.
Literatur
Reich G, Kronmülller K-T (2024) Bulimia nervosa. Psychodynamische Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe (ISBN 978-3-8017-2615-7)
Reich G, Kröger S (2022) Essstörungen in der Familie meistern. Wie gemeinsames Essen wieder entspannt gelingt. München: Goldmann ISBN 978-3-442-17944-2
Reich G, v Boetticher A (2020) Psychodynamische Paar- und Familientherapie. Kohlhammer, Stuttgart 2. Aufl. (ISBN 978-3-17-032305-6)